(N)Ostalgie 

1974 hab' ich meine Fahrerlaubnis gemacht, bei der "GST", wem das noch was sagt. Für Motorrad und LKW-Führerschein zusammen waren damals gerade mal 120 "Alu-Chips" (Mark der DDR) fällig ! Versuchen Sie das heute mal ...
Viele verschiedene fahrbare Untersätze bin ich gefahren in den Jahren danach, die wichtigsten will ich gern vorstellen:

Stadtroller SR 59 "Berlin"
Stadtroller SR 59 Berlin Mit dem ersten Zweirad ist es wie mir der ersten Liebe, man vergißt es nicht, sein Leben lang. Bei mir war das ein ganz besonderes Gefährt: ein "Berliner Roller". Satte 150 ccm, Maximum Speed so um die 100 km/h. Wegen der windschlüpfrigen Verkleidung eine Kurvenlage wie ein störrischer Ziegenbock. Hat mich über die letzten beiden Schuljahre jeden Tag eine viertel Stunde länger schlafen lassen und mußte oft als Ausrede herhalten, wenn ich's doch mal wieder verpennt hatte.
Vor dem Start war immer erst "Vergasertippen" angesagt. Das war so eine Art Choke-Ersatz und ohne Tippen ging garnix. Besonders begehrt waren die Lenkkopfschalen vom "Berlin". Die konnte man in Kombination mit einem Hochlenker vom Simson-Mofa auf den DDR-Mopeds verbauen. Das hat dann das wahre Easy-Rider-Feeling erzeugt beim harten Kern der SOG ("Simson Owners Group") ...

MZ RT125/3 MZ RT 125/3
Meine war eines der ersten Modelle von MZ mit einer durchgehenden Sitzbank. Vorher wurden immer noch die alten Schwingsattel verbaut, wie auf dem Bild zu sehen. Fast die gesamte Lehrzeit über bin ich mit diesem Oldie durch die Gegend kutschiert. Mit den Mopeds meiner Kumpels konnte ich allemal mithalten, viel mehr war aber nicht drin. Heute hätte diese Maschine den Status eines waschechten Oldtimers. Nach einem Platten (ausgerissenes Ventil) weit weg von zu Hause konnte ich auf die Schnelle keinen neuen Schlauch auftreiben. Als ich Tage später endlich einen besorgt hatte, war die Maschine in kürzester Zeit als Ersatzteilspender erkannt und ausgeschlachtet worden. Da stand ich nun, mit meinem neuen Schlauch ... das Kennzeichen konnte ich gerade noch retten, der traurige Rest war ein Fall für den Sperrmüll.

Jawa 350 Jawa 350
2 Zylinder 350 ccm, hergestellt im Bruderland CSSR (heute Tschechien), absolutes "Kraftwerk", das dickste Ding, das man zu DDR-Zeiten fahren konnte. Manche behaupteten, man könne sie kurz vor dem Verrecken durch einen kurzen Gasschub im richtigen Moment dazu bringen, die Drehrichtung der Kurbelwelle zu wechseln. Ich selbst kann diese Erfahrung leider nicht bestätigen.
Der Rückschlag des Kickstarters (Anlasser gab's bei uns damals noch nicht) konnte einem zu ungewollten Luftsprüngen verhelfen und ein gewisses Mindestgewicht war zum Starten der Maschine unerläßlich.
Die Maschine hatte einen geschlossenen Kettenkasten aus Blech. Mir ist einmal im Soziusbetrieb die Kette gerissen, die sich dann unweigerlich zwischen Kettenkasten und hinterem Ritzel verhakt. Ab diesem Moment dreht sich das Hinterrad keinen Millimeter mehr und die ganze Fuhre blockiert augenblicklich. Die Tatsache, daß wir ohne Bodenkontakt zum Stehen gekommen und heil wieder abgestiegen sind, erscheint mir heute noch wie ein Wunder.

Mokick Simson S50 Mokick Simson S50
50 ccm Moped, auf dem ich gelegentlich meine ganze (dreiköpfige) Familie transportiert habe. Laufen wäre zwar in solchen Fällen zum Teil schneller gewesen, aber das war noch nicht die Zeit der Hektik und der Eile.
Nach einem Auffahrunfall auf einen Kleintransporter (Barkas B1000), der die ganze Sache nicht einmal bemerkt hat, war mein Moped etwa 5cm kürzer als alle anderen S50. Da ich nicht genügend Geld hatte, die Sache fachmännisch richten zu lassen, blieb das Moped bis zu seinem Ende mit diesem Makel behaftet.

MZ TS150 MZ TS 150
150 ccm, 120 km/h mit Rückenwind. Im Gegensatz zum dargestellten Bild war die Meine in dezentem Hellgrün gefärbt. Für eine 250iger, dem Traum vieler meiner motorradfahrenden Zeitgenossen, hat bei mir das Geld leider nie gereicht. Das Maschinchen war ein absolut zuverlässiges Teil und hat nie eine Werkstatt von innen gesehen. Und wäre die Wende nicht gekommen, würde ich wohl heute noch drauf sitzen ...


Gefahren bin ich sie eigentlich alle, die Schwalben, Stare, Habichte, und so ziemlich die ganze Palette von IFA, Simson und MZ. So mancher Oldtimer war dabei, mit dem man heutzutage die Fans begeistern könnte. Cruiser und Chopper waren damals Dinge, von denen wir allenfalls träumen konnten.
Es ist noch nicht so lange her, daß ich mir meinen ganz persönlichen Traum vom Easy-Rider-Feeling erfüllen konnte.
Spät ? Ja, aber noch lange nicht zu spät !