Schlösser, Schlemmereien und Benzindiebe 

Eine Reise vom Elsaß durch Burgund zur Loire


Text: (c) Michael Schuhmacher 2002
Fotos: Peter Jänich

zuvor ein kurzer Hinweis in eigener Sache:

Die nachfolgend beschriebene Tour kann ab Juni 2004 bei  HIT Motorradreisen  in Nürnberg gebucht werden. Tourguide ist Michael Schuhmacher, der Autor des Berichtes. An statt nach Chablis führt die Tour dann allerdings über Cluny, wo das Hotel einen sicheren Hinterhof hat und niemand an den Maschinen rumbastelt. Bei HIT Nürnberg könnt Ihr Euch auch über das weitere Angebot informieren, insbesondere die von Michael geleiteten Touren nach Südfrankreich (Provence) und nach Schottland sind aus eigenem Erleben sehr zu empfehlen.
Ja und nun viel Spaß bei der Lektüre von Michaels Bericht ...

Unser Fuhrpark Durch meinen Job als Reiseführer bei  HIT Motorradreisen  in Nürnberg verliere ich, weil ich so oft unterwegs bin, langsam den Kontakt zu meinen alten Kumpels. Das darf natürlich nicht sein und so rief ich einige von ihnen zu einer einwöchigen Tour an die Loire zusammen: den Kurt aus Hamburg mit seiner Goldwing, Peter aus Greiz, der eine wunderschön umgebaute 1100er Yamaha sein Eigen nennt, Hans, Rudi und Uwe, 3 Kumpels aus der guten alten Harley-Szene und, mit seiner gerade neu erworbenen BMW 1150 GS (igitt!!) etwas auf die Spießbürgerseite geraten, meinen alten Freund Bernd aus Nürnberg.
Wir trafen uns an einem sehr Motorradler-freundlichen Ort: dem Hotel RUTHMANN in Fessenheim/Elsaß. Das liegt südlich von Neuf-Brisach nahe einer Rennstrecke. Die Zimmer sind einfach, aber preiswert, das Restaurant ausgezeichnet und eine gemütliche Bar, in der sich abends die Dorfschönen (und da ist eine teuflisch heiße, kleine Blondine dabei !!!) treffen, gibt es noch obendrein. Die Wirtsleute sind außerordentlich nett, der Chef, Bernhard, fährt eine schöne Harley "Sportster" und, last but not least, können die Gäste ihre Maschinen hinter dem Haus im Hof sicher unterbringen. Wer also mal im Elsaß unterwegs ist und eine Bleibe braucht, wo das Essen schmeckt und es nicht langweilig ist ... !!!
Wir für unseren Teil betrauerten an diesem Abend erst mal gemeinsam den Tod von  Oluf Zierl , dem mit weitem Abstand Besten aller Motorrad-Journalisten, mit dem die meisten von uns befreundet und schon oft auf Tour waren. Ein unersetzlicher Verlust für die Motorrad-Presse und, nicht zuletzt, unseren Freundeskreis. Nach einer alkoholreichen Nacht machten wir uns am nächsten Morgen über Mulhouse, Belfort, Besancon und Dole auf nach Beaune (sprich "Boon") im Herzen des Burgund. Es sollte so eine Art "Oluf-Gedenk-Tour" werden, denn vor nicht all zu langer Zeit bin ich mit ihm genau diese Route gefahren und er hat im  REISE-MOTORRAD  einen herrlich ironischen Bericht darüber geschrieben. Ab Belfort ist das eine recht hübsche Strecke am Fluß "Doubs" antlang. Allerdings machten wir hier eine ganz besondere Erfahrung. Unterwegs, an einer Holzhütte mit zugegeben schöner Aussicht über das Tal des Doubs machten wir Rast. Der Eigentümer hat den Schuppen zu so was wie einem "Cafe" zurechtgewurschtelt. Das wäre ja soweit in Ordnung, verlangte er aber lächelnd für eine Tasse "Chocolat chaude sans Chantilly" (Kakao, heiß, ohne Sahnehäubchen) umgerechnet sage und schreibe acht (in Worten: 8) Mark!!! Der hat doch wohl echt einen Knall, oder ?
Beaune, die "Hauptstadt des Burgunder Weines" (selbst ernannt), liegt an der Cote d'Or ("Goldküste"), wo die ganz großen Burgunderweine herkommen. Der "Chambertin", der "Romanée Conti" und, nicht zuletzt, der große "Montrachet".
das LUD'HOTEL Wir hatten im Vorort Savigny les Beaune unser Quartier gebucht. Das LUD'HOTEL. Komischer Name, aber ein angenehmer Platz mit Swimmingpool, den unser Rudi sofort nutzte. Im Dorf gibt es eine Bar, die gerne sowas wie eine Biker-Kneipe oder sowas Ähnliches wäre. Es gelingt nicht ganz, aber man sollte den guten Willen zählen lassen. Aber, und das ist der Grund unseres Kommens, es gibt hier noch was: ein Schloß. Das wäre, speziell wenn man auf dem Wege zur Loire ist, noch nichts vom Hocker hauendes. Befindet sich im Schloß jedoch ein riesiges Motorrad-Museum mit einer eigenen Abteilung nur für alte Vincents. Es gibt aber auch reihenweise Nortons, Triumphs, Zündapps u.s.w., sowie haufenweise französische Marken, von denen wir noch nie gehört hatten. Hinzu kommt noch ein extra Museum für Rennautos von Abarth und einige Räume voller kleiner (nanü?) Flugzeugmodelle. Das man hier auch über ein eigenes Weingut verfügt, versteht sich von selbst. Den Clou allerdings findet der Besucher draußen im Schloßpark. Der ist voll mit ausrangierten Düsenjägern aus den 50iger und 60iger Jahren. Da stehen Super Sabres, Boeings, alte Fiat G 48 (Nein! das ist kein Auto!), Mirages, Starfighter, Migs Phantoms, der eine oder andere Sikorsky-Hubschrauber und vieles andere mehr. Sehr interessant. Wir haben das natürlich ausgiebigst angeschaut. Uwe flog früher Starfighter und hatte Einiges zu erzählen. Danach genossen wir im Hotel einen burgundischen Schlemmerabend vom Allerfeinsten.
Düsenjäger im Schloßpark Der nächste Morgen empfing uns mit Regen. Kaum hatten wir uns in die Regenkombis gequält, hörte es auf und, weil wir die Regenkombis anbehielten, fing es auch nicht mehr von Neuem an. Wehe, wenn wir sie ausgezogen hätten, ich bin sicher, daß ...!!!
Die folgende Strecke über Autun, Nevers, Bourges und Vierzon ließ an Schönheit dann eher zu wünschen übrig. Dabei mußten wir über einige Hügel fahren, an denen die Wolken bedrohlich tief hingen und es dazu auch noch ekelhaft "frisch" wurde. Aber auch das brachten wir hinter uns und landeten schlußendlich an unserem Ziel, dem kleinen Städtchen Amboise an der Loire und bezogen hier unser hiesiges Quartier, das Hotel "LION D'OR" (Goldener Löwe), ein sehr empfehlenswertes Haus mit ausgezeichnetem Restaurant. Hier steht eines der wichtigsten Königsschlösser der französischen Geschichte und eine ganze Reihe Berühmtheiten hat dort gelebt. Katharina deMedici, Leonardo da Vinci, Maria Stewart usw. An dieser Stelle jetzt die ganzen einzelnen Könige aufzuzählen, erspare ich Ihnen. Es sind zahlreiche Heinriche, Ludwige und Fränze, alle sauber durchnummeriert. Kennt hier bei uns aber eh keine Sau, also was soll's!?
Aber ziehen Sie jetzt nicht die falschen Schlüsse, ich kann die schon alle auseinanderhalten ! Und um den einen oder anderen kommen Sie im Laufe dieser Geschichte auch nicht herum. Was die Schlösser betrifft, ist es eigentlich so, daß wenn man eines (von innen!!) gesehen hat, hat man alle gesehen. Viele Zimmer mit vielen Bildern von vielen Leuten, die man nicht kennt, dazu ein großes, buntes Himmelbett in welchem der König dereinst hätte schlafen sollen, wenn er denn jemals gekommen wäre. Das ist schon mal das Elementare, Die Farben der königlichen Himmelbettbezüge variieren von Schloß zu Schloß, ein pompöses Gemälde von Sonnenkönig Ludwig, dem Vierzehnten ist jeweils obligatorisch.
das Schloß von Amboise Äußerlich gibt es natürlich gewaltige Unterschiede und auch die Geschichten und Anekdoten, welche sich um die Schlösser ranken, sind nicht uninteressant. Einige der sehenswertesten Bauwerke möchte ich hier aufzählen.
Auf dem Schloß von Amboise z.B. hat Katharina deMedici dereinst aufständige Barone und Grafen am Balkon aufhängen lassen (man kann die Stelle besichtigen) und setzte sich dann mit Sohnemann Franz nebst Schwiegertochter Maria Stewart (die fand Hinrichtungen zu diesem Zeitpunkt auch noch lustig) auf den direkt darunter liegenden Balkon, um sich "an den schmerzverzerrten Gesichtern der Gefolterten zu erfreuen", wie sie sich ausdrückte.
Andere ließ man in Säcke stecken und warf sie in die Loire. Auch ein lustiger Zeitvertreib. König Franz der Erste rief den greisen Leonardo da Vinci an seinen Hof in Amboise und schenkte ihm den Landsitz Close Lucé, welchen man ebenfalls hier im Ort besichtigen kann. Im angeschlossenen Museum findet man Nachbauten von Leonardo's Erfindungen. Den ersten Fallschirm z.B. aus Holz!!!. Wie das wohl funktionierte, hätte ich gern mal gesehen. Es gibt ein
Festungsmauerzertrümmerungsundgleichzeitigerstürmungsgerät,
sowie eine dampfbetriebene Kanone, die beide für ihre Betreiber genauso gefährlich scheinen, wie für diejenigen, die damit angegriffen wurden. Dazu eine Art "Auto" mit Federantrieb, ein kreisrunder "Panzer" mit Innenpferdantrieb usw. usw.
Apropos Franz der Erste: wider Erwarten war er nicht der Vorgänger von Franz dem Zweiten. Das war Heinrich der Zweite, Ehemann von Katharina deMedici und somit Vater von Franz, der einmal "der Zweite" werde sollte. Und fragen Sie mich jetzt bloß nicht nach Heinrich dem Ersten!!!
Chenonceau- das schönste der Loire-Schlösser; Heinrich der Zweite war ein Schlingel. Er verleibte das Schloß Chenonceau am Nebenfluß Cher dem Kronbesitz ein und schenkte es dann Diane de Poitiers, seiner sogenannten "Favoritin". Heute nennt man das "Nutte", aber egal. Diane pflegte des Sommers nackt von der Schloßbrücke in den Fluß zu springen, an's Ufer zu schwimmen, um dort auf einem weißen Pferd durch die Wälder zu reiten. Heinrich's Ehefrau Kathi war von dem ganzen Treiben natürlich weniger erbaut und so sannen ihre Durchlaucht auf Rache.
Zwischenfrage: was heißt eigentlich "Durchlaucht" ?? Was soll das sein ? wie laucht man durch ? Weiß das jemand ?
Und, wie's der Teufel so will, kam die Gelegenheit. Heinrich der Zweite wurde beim Ritterturnier vom Pferd gedengelt, was der hochwohlgeborenen Gesundheit nicht unbedingt zuträglich war. Seine Majestät geruhten dahinzuscheiden. Aus Sohnemann Franzl wurde Franz der Zweite, König von Frankreich und Kathi stand bei Diane vor der Tür. Das Räumkommando hatte sie gleich mitgebracht. Diane de Poitiers wurde auf die düstere Burg von Chaumont verbannt und Kathi hielt feierlich Einzug auf Chenonceau, für mich das schönste der Loire-Schlösser. Es befindet sich übrigens im Dorf Chenonceaux. Merke: das Dorf schreibt sich mit, das Schloß ohne "x".
Die Burg Chaumont findet man im Nachbardorf von Amboise. Auch die ist besuchenswert. Der ultimative Protzkasten hier ist aber Schloß Chambord. Franz der erste ließ es nach Entwürfen von Leonardo da Vinci erbauen. Diese kann man, neben vielen bunten Himmelbetten, einigen alten Möbeln und einer Geweihsammlung (stinklangweilig!) im Schloß bewundern. Allerdings ist das ein Pauschaltouristenloch allererster Kategorie.
Wo früher das adlige Gesindel "lustwandelte", stehen heute Pommesbuden und papptellerbewaffnete Reisebus-Proleten stopfen sich mit Billigfutter voll. Wobei "billig" sich lediglich auf die Qualität bezieht, nicht etwa auf den Preis!
Apropos Preis: so eine Schloßbesichtigung kostet natürlich was. Und nicht zu knapp ! Zwischen 15,- und 20,- Mark pro Person (und Schloß!) müssen Sie schon rechnen.
So verlegten wir uns darauf, die Schlösser nur noch von außen zu betrachten. Das kostet nichts. Bei den allermeisten zumindest. Bei Azay le Rideau, Cheverney und Chenonceau muß man blechen, bevor man etwas zu Gesicht bekommt.
das Dornröschenschloß Ussé Wir besuchten noch Langais, in dessen Kellergewölben früher ein wunderschönes Cadillac-Museum zu bewundern war, die Bugruine von Chinon, wo die "Jungfrau von Orleans" zu Besuch war und Richard Löwenherz ermordet wurde, das Schloß von Menars, wo die Madame Pompadour, welche entgegen ihrem heutigen Ruf eine sehr wohltätige Frau war, ihre letzten Jahre verbrachte und das prächtige Schloß Ussé, wo der Dichter Perrault das Märchen vom Dorbröschen schrieb. Nein, das waren nicht die Gebrüder Grimm!!! Die haben die Märchen nur gesammelt !
Irgendwann reichte es uns dann auch, zumal der Bernd sich eine kapitale Schraube in den Hinterreifen fuhr. natürlich irgendwo weitab zwischen Dunkel und Siehstmichnicht, wo wir nie und nimmer erwarteten, daß uns wer findet. Aber, oh Wunder, man glaubt es kaum: der BMW-Pannen-Service organisierte den Honda-Händler von Chinon. Der kam, holte Bernd nebst Maschine ab, reparierte nullkommanix und alles war wieder eitel Freude. Vorläufig zumindest.
Unser Urlaub neigte sich dem Ende zu. Wir genossen noch einmal die Schlemmereien im Restaurant des Lion d'Or, Entenfilet in Knoblauchsoße oder Schweinefilet "Mignon" in einer Honigsoße sind besonders empfehlenswert, und machten uns dann auf den Weg zurück. Natürlich nicht ohne große Pläne betreffs landschaftlicher Schönheit und lukullischer Genüsse. Naja, so ganz haute das leider nicht hin. Zuerst übersah der Kurt an einer Einmündung ein herankommendes Auto. Sie schrapsten zwar knapp aneinander vorbei, aber die Goldwing machte eine Pirouette in Seitenlage, was den Sturzbügeln und der "Karosserie" nicht all zu gut bekam. Kurt passierte nichts und weiterfahren konnte er auch, aber sein müssen hätte das ja nun nicht. Wir trösteten ihn (und uns) mit der angepeilten Zwischenstation, dem burgundischen Weindorf Chablis, wo wir nochmal einen Schlemmerabend einlegen wollten. Über eine relativ eintönige Strecke erreichten wir schließlich unser Ziel. Was immer wir auch für Vorstellungen von "romantischem Weindorf inmitten seiner Weingärten ..." gehabt hatten, traf zu. Nur nicht für uns! Unser Hotel, wir kannten es nicht, als wir im Voraus buchten, lag mitten in einem Gewerbegebiet außerhalb des Ortes. Romantik ? Fehlanzeige. Der Wirt, ein junger Kerl mit Prinz-Eisenherz-Frisur, schien recht gleichgültig. Das Hotel gehört zur IBIS-Kette. Eine klägliche Spelunke. Als ich die Speisekarte sah, schwante mir ebenfalls Ungutes. Und so war es denn auch. Die Vorspeisen sind nicht erwähnenswert, als Hauptgericht hatten wir "Boef au Basilic avec legumes diverses" geordert. Was kam ? Büchsengulasch mit Pommes !!! Der Wein dagegen war süffig. Also genehmigten wir uns wenigstens davon noch einige Gläschen. Eine weitere Überraschung folgte am nächsten Morgen. Unsere Motorräder und die meisten Autos auf dem Hotelparkplatz waren aufgebrochen worden. Bei unseren Maschinen überwiegend die Tanks, um das Benzin zu klauen. Bei meiner Kawasaki, bekanntlich ein "Glump", bekamen sie das Schloß leicht auf. So hatte ich "Glück". Bei anderen Tankschlössern, die schwerer zu öffnen waren, wurde brachiale Gewalt angewandt. Dementsprechend sahen die Tanks aus. Prinz Eisenherz schien das alles nicht sonderlich aufzuregen. Vermutlich ist er's gewohnt. Schließlich bequemte er sich dann doch, die Polizei zu rufen. So endete unser Besuch in Chablis in einem IBIS-Hotel. Beide sehen uns nie wieder !
Wir kehrten zum Treffpunkt in Fessenheim/Elsaß zurück und Bernhard Ruthmann bereitete uns einen wunderschönen Abend mit den Line-Dancern des Conestoga-Country-Clubs, einem zünftigen Chili con Carne und viel Country-Musik. Grad schön war's und wir haben fleißig mitgetanzt (nein, ich natürlich nicht!) und hatten auch sonst viel zu lachen. So endete unsere Tour doch noch einigermaßen tröstlich und wir kamen überein, nächstes Jahr, sobald ich meine HIT-Touren absolviert habe, wieder gemeinsam irgendwo hin zu fahren. Vermutlich in die Auvergne oder an die Dordogne. Schaumermal.