Zwischen Ahornboden und Bannwaldsee 2013 

Unterwegs im Ostallgäu


Text: Peter Jänich
Fotos: Peter Jänich, Diana Herzel-Jänich
veröffentlicht in der Zeitschrift TrikerSzene - Heft IV/2013

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Allgäu-Panorama Eine Tour zu planen ist mitunter eine recht mühselige Geschichte. Zumindest mir geht es so. Schließlich will man ja möglichst viel sehen, nichts verpassen, Land und auch Leute kennenlernen. Und das alles muss sich auch noch zeitlich in einen Rahmen pressen lassen. Gar nicht so einfach. Umso angenehmer ist es dann, wenn man alle Touren für eine komplette Woche Trikeurlaub fertig auf dem Navi hat, die Übernachtungen reserviert sind und man eigentlich nur noch auf den Startschuss wartet. So war das auch bei uns dieses Jahr, als wir uns vorgenommen hatten, das Allgäu zu erkunden.

Allgäu - das ist für mich schon immer der Innbegriff für saftige, grüne Wiesen, sanfte Hügel mit den zahllosen, scheinbar wahllos in der Landschaft verteilten Heuschobern. Ich mag dieses weite Land. Für mich verkörpert das Allgäu die typisch bayerische Gelassenheit im Umgang mit der Welt und den Einklang seiner Bewohner mit der Natur. Das König-Ludwig-Feeling eben, wie man's von den Postkarten kennt.
Wie gesagt, wir saßen in den Startlöchern und wollten mit unserer "Leiche" im Schlepptau zwei Campingplätze ansteuern, die auch schon fest gebucht waren. Dann kam der Regen ! Er kam nicht nur, er blieb auch eine ganze Weile und wuchs sich aus zur Sintflut. Leise plätschernde Bächlein wurden zu reißenden Flüssen. Das zweite Jahrhunderthochwasser in elf Jahren. Nun wohnen wir zum Glück auf einem Hügel und der nächste Bach schlängelt sich ein paar Höhenmeter unter uns durch die Stadt. Aber dieses Glück hatten nicht alle in unserer Familie und so musste der Urlaub zwangsläufig verschoben werden. Auch einer der beiden reservierten und schon angezahlten Campingplätze, der Panorama Campingplatz "Harras" in Prien am Chiemsee war von der Flut betroffen. Man hatte dort selbstredend vollstes Verständnis für die kurzfristige Stornierung und hat die Anzahlung anstandslos zurückerstattet. Auf dem zweiten reservierten Stellplatz, dem Campingplatz "Brunnen" in Schwangau war man vom Wasser zwar verschont geblieben, beim Thema Rückerstattung aber ganz anderer Meinung. Weil die Stornierungsfrist um einen(!) Tag überschritten war, könne man doch nicht, leider ja nun, sollen sie glücklich werden damit.

Buchenbergbahn Jede Flut geht einmal zu Ende. Mit leichter Verspätung, einer neuen Campingplatzreservierung und meinen gut geplanten Tagestouren für eine ganze Woche im Gepäck ging's dann auf nach Oberbayern. Mit dem Anhänger am Haken versuchen wir immer auf kurzen Wegen an's Ziel zu gelangen. Daher wurde die Anfahrt gemächlich, aber zielstrebig über die Autobahn bewältigt. Für die kommende Woche war durchwachsenes Wetter angesagt, was sich zum überwiegenden Teil auch als zutreffend herausgestellt hat. Eigenartiger Weise beobachte ich seit diesem Urlaub im täglichen Wetterbericht auch immer wieder das Wetter im Allgäu und nach übereinstimmender Einschätzung mit meinem Zuckerhuhn scheint es in Oberbayern wesentlich häufiger zu regnen, als anderswo. Aber gut, Zuckerhuhn hatte, gesundheitlich bedingt, die Anfahrt mit dem Auto bevorzugt, was uns letztlich in die Lage versetzte, vor Ort wählen zu können zwischen drei und vier Rädern bzw. zwischen mit oder ohne Dach.
Schloss Neuschwanstein in Füssen Wir hatten ganz bewusst einen sehr gut ausgestatteten Campingplatz ausgesucht. Im Urlaub will man sich schließlich auch mal was gönnen. Dem entsprechend war die übrige Kundschaft um uns herum fast ausnahmslos mit überdurchschnittlich gut ausgestatteten "Campingkreuzern" angereist. Mit unserem optisch zwar sehr ansprechenden Schlafwägelchen waren wir da eher die Abweichung von der Norm. Die meisten Mitcamper haben sich daran nicht gestoßen und sich eher freundlich und wissbegierig für das Innenleben eines solch seltsamen Gefährts interessiert. Mit einer unrühmlichen Ausnahme allerdings: ein - dem Dialekt nach - einheimischer Dauercamper war nach der Frage, ob wir denn wüssten, dass dies ein 4-Sterne-Campingplatz sei, der Meinung, [Zitat:] " wir Ossis sollten doch besser da bleiben, wo wir hergekommen sind." [Zitat Ende]. Wie gesagt, es war die einzige Ausnahme in einem herzlichen Umfeld sympathischer Menschen. Aber es zeigt schon deutlich, dass die Generation "Wiedervereinigung" ihr Trauma nach wie vor nicht vollständig überwunden hat.
Der  Campingplatz "Am Bannwaldsee"  bei Schwangau zeichnet sich aus durch eine sehr spezielle Lage. Einerseits liegt er unmittelbar am Ufer des gleichnamigen Sees und verfügt dem gemäß über einen eigenen Badestrand. Unweit von Füssen gelegen, liegen die beiden Königsschlösser Ludwigs des II. - Neuschwanstein und Hohen-schwangau - nur einen Steinwurf entfernt. Wer Gefallen daran findet, kann sich fast fußläufig dorthin auf den Weg machen und sich unter die zahllosen Touristen aus aller Welt mischen. Hinzu kommt, dass die unmittelbar an den See angrenzenden Berge ebenfalls eine Reihe von Überraschungen bereithalten. Was uns als eher ungeübten Wanderern besonders gefallen hat, war ein Ausflug in's nahe gelegene Buching/Halblech. Dort startet der Sessellift der  Buchenbergbahn  hinauf zur Bergstation. Neben der grandiosen Aussicht vom Gipfel auf den See herunter sind wir dort oben zufällig in die ersten praktischen Flugversuche der Teilnehmer einer Paragliding-Flugschule geraten. Eine spannende Angelegenheit, sowohl für die Zuschauer, als auch für die Akteure.
Kurz und gut, allein der Campingplatz hatte schon für "normale" Campingurlauber viel zu bieten. Unser primäres Ziel war ja aber die Erkundung des Allgäus mit dem Trike. Und das haben wir uns trotz des unbeständigen Wetters nicht nehmen lassen.
Großer Ahornboden Unterhalb der Königsschlössern, über Füssen, vorbei am Lechfall, wechselt unsere erste Route schon bald hinein nach Österreich, was man jedoch nur an Hand der Zollschilder bemerkt. Die Ländergrenze hat hier eigentlich kaum eine Bedeutung, soweit es die verkehrstechnische Infrastruktur betrifft. Und so wechselt man mitunter auf einer Tour mehrfach von einer Seite der Grenze auf die andere. An Reutte vorbei erreichen wir schließlich den Plansee. Dort führt uns eine endlos lange und schön geschwungene Uferstrasse unmittelbar am Wasser entlang bis zu einem Hotel am Seeufer. Es ist recht frisch heute und wir belohnen uns als einzige Gäste auf der Terrasse mit einer heißen Schokolade. Dazu noch der ungetrübte Blick auf den See - Herz, was willst Du mehr.
Die Straße verliert sich nach dem See im bergigen Gelände und wir überqueren den angenehm zu fahrenden Ammersattel in Richtung Ettal. Die "Königliche Villa" Ludwigs des II. - Schloss Linderhof - lassen wir heute links liegen. Das Dorf Ettal ist einzig bekannt für die hier ansässige Benediktinerabtei - das Kloster Ettal. Man sollte sich die Zeit nehmen, den riesigen Klosterhof von innen zu erkunden. Wir haben es jedenfalls getan und Zuckerhuhn entdeckt bei dieser Gelegenheit erstmals die Panoramafunktion ihres neuen Fotoapparates. Rings um das Kloster hat sich, wie nicht anders zu erwarten, die Tourismusbranche breit gemacht und entlockt den zahlreichen Pilgern so manchen Euro für allerlei Nepp und Tinnef. Auch einige der bunt bemalten Geschäftshäuser entlang der Hauptstraße sind durchaus sehenswert.
Eng Alm bei Hinterriß Weiter führt uns unsere Tour, durch die Peripherie von Garmisch-Partenkirchen in Richtung Wallgau bis nach Vorderriß. Hier zweigen wir ab in das Tal des Rißbaches. Mit jedem Meter Strecke wird die Landschaft interessanter und am Ende des Weges öffnet sich eine einzigartige Kulisse von fast magischer Kraft - der Große Ahornboden. Er ist über und über mit hunderten knorriger alter Ahornbäume bewachsen und beim richtigen Licht fühlt man sich eigenartig fasziniert von diesem Anblick - Postkartenidylle vom Feinsten. Zwischen Hinterriß und dem Ahornboden ist die Straße übrigens mautpflichtig und im Winter geschlossen. Aber das ist gut investiertes Geld. Das Rißtal endet in dem kleinen unbewohnten Almdorf namens Eng. Ein bisschen kommt man sich vor wie im Museum, ist doch alles dort auf die zahlreichen Touristen ausgelegt. Ganz besonders faule Wanderer, also Leute wie ich zum Beispiel, können die letzten Meter vom Parkplatz bis an den Rand des umschließenden Bergmassivs notfalls auch mit der Pferdekutsche zurücklegen. Wir haben uns anschließend mit einer Portion landestypischer Kässpätzle belohnt und den Rückweg sehr kalorienbewusst schließlich doch zu Fuß angetreten.
Der Weg führt heute entgegen meinen üblichen Gepflogenheiten, Tourstrecken möglichst nicht zweimal zu befahren, zunächst unvermeidlich zurück bis zum Eingang des Rißtals und weiter über die gleiche Anfahrtsstrecke bis nach Ettal. Zumindest für das Rißtal gibt es keine alternative Route und die Strecke über Kochel und Murnau war für einen anderen Tag geplant. In Ettal biegen wir ab in Richtung Oberammergau. Bekannt durch die im zehnjährigen Rhythmus stattfindenden Passionsspiele hatte ich mir den Ort wesentlich größer vorgestellt. Mit seinen 5000 Seelen fällt es am Ende doch etwas bescheidener aus. In's Auge fallen einem hier, wie auch anderswo im süddeutschen Raum, die kunstvoll bemalten Häuser, die mit der sogenannten Lüftlmalerei üppig verziert sind. Die Leute lassen sich "virtuelle" Strukturelemente, Fensterläden, Sonnenuhren und allerlei religiöse Szenen auf die Fassaden ihrer Häuser malen. Wem's gefällt, bitteschön. Weiter über Unterammergau ziehen wir auf wenig befahrenen Straßen einen weiten Bogen durch die herrliche Landschaft über Steingaden und weiter bis zum Campingplatz am Bannwaldsee.

Blick vom Herzogstand auf den Walchensee Das Allgäu Das Wetter hat gehalten und so nehmen wir uns am nächsten Morgen vor, das Gebiet zwischen Staffel- und Walchensee zu erkunden. Vom Campingplatz aus fahren wir diesmal in die entgegengesetzte Richtung, zum Teil wieder auf bereits bekannten Pfaden. Kurz hinter Steingaden wählen wir eine ruhige Strecke über Landstraßen, immer in Richtung Murnau/Staffelsee. Die gesamte oberbayerische Landschaft ist reich gesegnet mit großen Wasserflächen und es ist immer wieder ein erhabenes Erlebnis, wenn die Fahrt auf den gut ausgebauten Landstraßen plötzlich den Blick auf den nächsten großen See frei gibt. Das Höhenprofil der hiesigen Landschaft setzt da noch einen oben drauf und verpackt das Ganze in eine sehenswerte, grün eingerahmte 3D-Ansicht.
Wir erreichen Kochel am See. Die Stadt selbst hätte es sicher verdient, näher erkundet zu werden. Dafür fehlt uns heute die Zeit. Ausgangs der Stadt beginnt eine sehr schön zu fahrende Serpentine - die Kesselbergstraße, die aber zum Leidwesen aller Zweiradler fast durchgängig auf 60km/h gedrosselt ist. An mehreren Stellen kann man von Haltebuchten aus einen Blick von oben auf den See werfen. Die Straße windet sich wie ein Aal den Berg hinauf und am anderen Ende wieder zum nahen Walchensee hinunter. Dort, unmittelbar am Seeufer, liegt unser heutiges Etappenziel. Am Fuße des 1627 Meter hohen Fahrenbergkopfes liegt die Talstation der Herzogstandbahn, die uns in wenigen Minuten auf den Berg hinauf transportiert. Eng geht es zu, da oben und nach 10 Minuten Fußweg erreichen wir den  Berggasthof "Herzogstand" . "Genießen Sie bayrische Schmankerl, Brotzeiten, Kaffee und Kuchen in unseren gemütlichen Stuben oder auf unserer großen Sonnenterrasse." So war es angekündigt und so haben wir es auch erlebt - mitten im Gewimmel der unzähligen Touristen, die ausgerechnet heute alle die gleiche Idee hatten, wie wir. Den Kellnerinnen zolle ich meinen Respekt dafür, dass sie in diesem permanenten Kommen und Gehen den Überblick behalten. Apropos Überblick, die Aussicht von hier oben auf den Walchensee in Mitten einer sommerlichen Berglandschaft ist einfach gigantisch und mit Worten kaum zu beschreiben. Und weil sich auch das Wetter heute von seiner besten Seite zeigt, ist das Tagesziel mehr als erreicht.
Runter vom Berg kommt man am schnellsten wieder mit der Bergbahn. Es existiert auch ein Wanderweg hinunter in's Tal, aber der ist sicher nicht umsonst mit anderthalb Wegstunden ausgewiesen. Für uns ist das jedenfalls keine Option.
Für den weiteren Rückweg stehen nicht allzu viele Möglichkeiten zur Wahl und so entscheiden wir uns erneut für den schon erprobten Weg über Garmisch und Oberammergau.

.... auf Wiedersehen im Allgäu Die Plansee-Route bildet den Anfang unserer dritten Tour. Heute wollen wir Bad Tölz einen Besuch abstatten. Hinterriß lassen wir diesmal rechts liegen und folgen konsequent dem Lauf der Isar. Zwischen Wallgau und Vorderriß nutzen wir dazu eine mautpflichtige, schmale Straße, die sich dicht am Ufer der Isar entlang schlängelt. Die Maut ist erträglich und der Fahrspaß entschädigt uns allemal für den Wegezoll. Am Ende der Straße biegen wir ab in Richtung Lenggries. Und wieder passieren wir einen der zahllosen Seen. Diesmal ist es der Sylvenstein Stausee. Wie der Name schon vermuten lässt, ist der See von Menschenhand gemacht. Von der Staumauer aus betrachtet spiegelt sich bei Windstille die umliegende Bergwelt im glasklaren bläulichen Wasser und liefert ein hübsches Fotomotiv.
Über Lenggries gelangen wir schließlich nach Bad Tölz. Am Fuße der Tölzer Altstadt, direkt am Isar-Ufer gibt's einen zentral gelegenen Parkplatz. Von dort aus lässt sich das zauberhafte Altstadt-Ensemble vortrefflich erkunden. Lüftlmalerei wohin man schaut. Wenn sie nicht so groß wären, könnte man die Gebäude für bunt bemalte Puppenhäuser halten. Selten sieht man unter der Woche eine so gut besuchte Fußgängerzone. Aber bei DEM Ambiente ist das eigentlich kein Wunder.
Die Heimfahrt oberhalb von Murnau auf kleinen schmalen Landstraßen abseits der großen Verkehrsströme ist zwar recht unspektakulär, aber dafür landestypisch und extrem gemütlich. Wir haben den Heimweg jedenfalls sehr genossen und den Tag geruhsam am Seeufer unseres Campingplatzes ausklingen lassen.

Das Wetter hat seinen Tribut gezollt und wir konnten nicht alle geplanten Touren wunschgemäß abarbeiten. Aber das ist ja auch nicht der Sinn der Übung. Wir haben uns ohnehin nur auf das Ostallgäu konzentriert und auch dort gibt es mit Sicherheit noch wesentlich mehr zu erkunden. Allein die angrenzenden Passregionen bei unseren österreichischen Nachbarn bieten noch eine Vielzahl möglicher Tourstrecken. Auch weiter im Norden oder an den zahlreichen Seen bleibt noch so manches zu entdecken. Ob Chiemsee, Ammersee oder Starnberger See, alles große Namen, die weit über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt sind. Vielleicht konnte ich dem einen oder anderen ja ein bisschen Appetit machen, dieses wunderschöne Stück Natur einmal selbst zu erkunden. Das Allgäu heißt Euch sicher herzlich willkommen.
Man sieht sich on the road again.

Herzliche Grüße, Euer IronHorse