Hirschtriker Pfingsttreffen 2009 

Die Schweiz, die "Hirsche" und andere Begebenheiten


Text: Peter Jänich
Fotos: diverse Hirsche
veröffentlicht in der Zeitschrift TrikerSzene - Heft II/2009

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Die Schweiz hat wunderschöne Ecken Freitag Morgen. Über Nacht ist es saukalt geworden in Sachsen. Drei Wochen war schönstes Trikewetter, und jetzt ?! Naja, schau mer mal. Mein Zuckerhuhn hat's gut, die sitzt jetzt im gemütlichen warmen Auto. Wegen gesundheitlicher Probleme ist die Anfahrt kurzfristig umgeplant worden, deshalb fahren wir heute mit Trike und PKW in die Schweiz. Die "Hirsche" treffen sich beim Birnle, der Generalvertretung der Hirschtriker Südbaden in der Schweiz. Sie strömen zusammen aus allen Ecken des Landes, so wie jedes Jahr an Pfingsten.
Eigentlich wollten wir probieren, das Trike auf'm Anhänger zu schleppen. Das wird für uns wohl die Zukunft sein. Zuckerhuhn, die beste aller Frauen, sie leidet, wenn's über lange Autobahnstrecken geht. Für sie hätt' ich das gern gemacht, auch wenn man manchmal blöd angemacht wird. Von wegen Weichei und so. Der echte Triker sitzt die ganze Strecke auf'm Bock, fertig ! Laß sie reden, denk' ich dann immer. Heut' hätte es sich gelohnt. Verdammte Kälte, die kriecht einem überall hin.
Die ersten 200 Kilometer sind abgespult. Ich bin bocksteif und freu mir ein Loch in den Bauch über den warmen Kaffee aus der Thermoskanne. Wurstbrot, Eier und was Frisches dazu. Irgendwie erinnert das Picknick auf dem Rastplatz immer noch an alte Zeiten, wo man noch mit dem Trabbi an die Ostsee gedüst ist. Und irgendwie schmeckt das Selbstgeschmierte vom Zuckerhuhn auch leckerer, als die Bockwurst vom Tankwart. Komisch, heut haben wir mal garnichts vergessen. Oder doch ?
Weiter geht's. Es wird langsam wärmer. Schließlich fahren wir ja auch in Richtung Süden. München ist ohne Stau umschifft und der Bodensee kommt in Sicht. Auf unserer Seite haben sich die Österreicher ein Stück Ufer gesichert und sie weisen den Reisenden mit unübersehbaren Warnschildern auf die Pickerl-Pflicht hin. Mist, verdammter. Jetzt muß ich für Auto und Trike löhnen, das wird ein teurer Spaß. Das Trike zählt auch noch wie ein Auto, ich fass' es nicht. Wenigstens kann ich gleich hier noch die Schweizer Vignetten erstehen und ein paar Fränkli tauschen. Modernes Raubrittertum, finde ich und zahle Zähne knirschend. Wenigstens ist der Sprit hier preiswert. Aber Zuckerhuhn fährt und fährt und ist jetzt schon an der vierten Tanke vorbei gefahren. Da vorne kommt die Schweizer Grenze und mir geht langsam der Sprit aus. Zu spät. Also tanken wir teuer in der Schweiz.
Kurze Ausblicke auf den Bodensee und ein strahlend blauer Himmel helfen meiner guten Laune wieder auf die Sprünge. Jetzt sind es nur noch 100 Kilometer. Zürich kommt näher. Der Verkehr wird dichter und dichter, bis er ganz zum Erliegen kommt. Ich fühl' mich wie in der Sauna. Jetzt wären ein paar Grad weniger nicht schlecht. Aber es hilft nichts. Schritt für Schritt lassen wir den Moloch hinter uns.
Die Kutte vom Chef Gut 10 Stunden hat's gebraucht. Nochmal kurz an der Einfahrt zum Zeltplatz vorbeigerauscht, dann ist es endgültig geschafft. Die Letzten sind wir nicht, aber das laute "Hallo" läßt schon eine stattliche Schar alter Freunde vermuten. Und so kommt es auch. Mir wird ganz warm um's Herz. Lange, viel zu lange hat man sich nicht mehr gesehen. Wir sind nicht sehr aktiv in der Szene, es fehlt einfach an der Zeit. Um so herzlicher ist die Begrüßung, wenn man sich dann endlich wieder trifft. Der Birle hat's organisiert. Zusammen mit seiner Helferschar haben sie für uns Quartier gemacht. Kaum bin ich runter vom Bock, hab ich ein Bier in der Hand: aaaaah, das zischt! Viele Arme umschlingen mich. "Hallo, wie geht's. Schön, dass ihr auch mal wieder dabei seid."
Das Vorzelt ist schnell aufgebaut und die Schweiz präsentiert die ersten kulinarischen Leckerbissen. Einige neue Gesichter kann ich ausmachen. Man kennt sich aus diversen Foren, zumindest dem Namen nach. Von diesem oder jenen hab ich ein ganz anderes Bild vor Augen. Wer hat denn diese leckere Erdbeerbowle mitgebracht ? Was, schon alle, Nachschub kommt gleich. Ein paar Getränke später und keiner ist mir mehr fremd. Durchweg sympathische Leute, die Triker. Dolores, die Schweizer Küchenfee, sie hatte Vorbehalte. Man kennt ja solche Events aus der Bikerszene. Sie ist ehrlich, gibt's zu. Aber schon nach kurzer Zeit hätte sie ihre Meinung revidiert, sagt sie. Ihre Begeisterung wird wachsen, mit jedem Tag.
Heute Nacht ist Premiere. Das erste Mal im Auto schlafen. Groß genug ist der Kombi allemal, aber hart. Furchtbar hart und wir nehmen uns vor: als nächstes muß eine Matratze her. Auch Zuckerhuhn ist platt und hört mich nicht mal schnarchen.
Es ist heller Tag. Ich öffne das linke Auge und Zuckerhuhn lächelt mich an. Das sind die Momente, da könnt ich ...
Kurze Einweisung für die Morgentoilette: geduscht wird im Bunker. Tatsächlich findet sich unter dem angrenzenden Restaurant ein Luftschutzbunker mit allem drum und dran. "Jeder schweizer Neubau muß sowas haben", erklärt unser Gastgeber, auch die privaten. Es sei ein Relikt aus kriegerischen Zeiten und macht Immobilien in der Schweiz nicht eben billiger.
Frühstück ist fertig. Die Schweiz fährt die ganz großen Geschütze auf: Eier, geschüttelt und gerührt, Käsespezialitäten aller Art, frisches Brot, warme Brötchen, sogar Müsli. Das Angebot kann sich locker mit jedem guten Hotel messen. Selbst die obligatorische Weißwurst für unsere bayovarischen Freunde ist dabei. Sogar mit passendem Senf, einfach unglaublich.
Geteert und gefedert ... Die Sonne nähert sich dem höchsten Punkt und es steht eine Ausfahrt an. Die Zentralschweiz war mir bis dato nicht unbedingt als Landschafsidylle in Erinnerung. Schaut hin, dem aufmerksamen Auge öffnen sich mit jedem neuen Kilometer paradiesischere Ausblicke. Sanfte Höhenzüge in frischem Grün, die schneebedeckten Berge im Hintergrund. Schweiz heißt eben doch nicht nur: Gipfel und Pässe. Fehlt eigentlich nur noch ein See ... hab ich's doch gewußt. Bläulich grünes Wasser und eine sanft gewundene Uferstraße, kleine verschlafene Ortschaften, schneebedeckte Hänge, mediterranes Klima, das Gardasee-Gefühl stellt sich ein. Zwischendurch am Wegesrand der eine oder andere Schriftzug in diesem urtypischen und lustigen Dialekt, der einem die Tränen in die Augen treibt: "Kinderhütli Schneckehüsli", zu gut deutsch: Kindergarten Schneckenhaus. Ich lach' mich schlapp! Es ist genügend Zeit für gemütliche Rast am See und ein kühles Bierli unter dem weit ausladenden Blätterdach eines alten Rebstocks. Die schweizer Tourguides bringen uns wohlbehalten wieder nach Hause. Respekt, Euer Land kann sich sehen lassen.
Kaum angekommen, halten die Hirsche Taufe ab. Wer Hirsch sein will, muß leiden. Nicht eben viel, aber Spaß muß sein. Im schlimmsten Fall: teeren und federn auf nackter Kopfhaut, schon die Irokesen müssen Ahornsirup gekannt haben. Die neue Kutte, jetzt gehört man dazu.
Dann brennt auch schon wieder der Grill. Schweizer Spezialitäten am Spieß und andere Köstlichkeiten in Hülle und vor allem in Fülle machen meine Hoffnung auf Gewichtsverlust erneut zu nichte. Zuckerhuhn probiert die Alarmanlage vom Auto aus, weil der Schlüssel plötzlich unsichtbar ist. Schweizer Autoknacker beweisen echte Handwerkskunst und sie darf den kunstvoll gebogenen Draht als Andenken behalten. Nur, dass der Schlüssel eben nicht im Auto liegt, wird erst hinterher klar. Egal, Ende gut, alles gut!
Es hat sich ein Sponsor gefunden für all die schönen Getränke des kommenden Abends. GERHARD, der Sohn von Mutter GERlinde und Vater EberHARD, will seine Andrea zur Frau nehmen. Ob er wohl eine Schwester hat und wie die wohl heißt ? Wir wünschen Euch alles Gute dieser Welt und seid bedankt, für Speis' und Trank. Am Lagerfeuer klingt der Abend aus. Zuckerhuhn und ich, wir verkriechen uns in die wohlige Wärme unsere mobilen Schlafstatt. "Schatz, hast Du den Austoschlüssel ?".
Zu Hause sind es trübe acht Grad, über der Schweiz lacht schon wieder die Sonne. Ein ruhiger Sonntag soll es werden. Wieder beginnt er mit Schwerstarbeit beim Frühstück. Ich kann mich nicht entscheiden: Eier gerührt oder gespiegelt ? Ach was, dann eben beides! Zuckerhuhn schaut mich so merkwürdig an ?! Wie, zuviel Ei ???
Der Vormittag gehört uns. Zeit für einen kleinen Rundgang durch das beschauliche Örtchen. Die Vorgärten sind üppig bewachsen und top gepflegt, dörfliches Ambiente mit Großstadtanschluß. Zürich ist einen Steinwurf entfernt.

Familie "Birnle" Birnles fleißige Helferschar hat ein deftiges Mittagessen vorbereitet, was solls, die Figur ist eh' im Eimer. Der Nachmittag wird anstrengend, zumindest für die Schluckmuskeln. Weinprobe ist angesagt, ausgerechnet in WEINingen. Der Winzer, ein uriger Kauz, geht mit gutem Beispiel voran. Sein Wein schmeckt ihm, uns auch ! Ein paar Flaschen "Portweininger" finden den Weg zu uns nach Hause.
Die Stimmung ist gut, der Wein hat seine Wirkung nicht verfehlt. Ein Junghirsch hat den Mund zu voll genommen und muß es nun ausbaden: Arschbackenschnupfen, das könnte bald olympisch werden.
Als hätten wir die Bäuche noch nicht voll genug, stehen überall Racletts auf den Tischen. Wer hat's erfunden ? Natürlich, die Schweizer. Beim Apfelstrudel muß ich kapitulieren.
Man ist sich näher gekommen in den letzten Tagen, hat Ansichten ausgetauscht, Benzin geredet. Interessant war's allemal. Und es bleibt ein gutes Gefühl, manch alten Freund sieht man nicht oft.
Der Abend klingt aus bei leisen Gitarrenklängen am Lagerfeuer. Zuckerhuhn und ich, wir rollen gemütlich in die Koje.So schnell ist ein langes Wochenende vorbei. Wir hätten's noch ein paar Tage ausgehalten. Die Schweizer Heinzelmännchen sind sichtlich erschöpft. Abends die Letzten, morgens die Ersten, das schlaucht. Die Mühe war extrem, unser Dank ist es auch. Es sind neue Freundschaften gewachsen, die es zu pflegen gilt. Also dann, bis hoffentlich bald, Ihr Eidgenossen. Wir kommen wieder, auf jeden Fall! Und schöne Grüße noch, von IronHorse und Zuckerhuhn.