ZILLERTALER EDELMÄNNER 

Zillertal/Großglockner-Tour 03.06.-06.06.2010


Text: Peter Jänich
Fotos: Diana Herzel, Peter Jänich
veröffentlicht in der Zeitschrift TrikerSzene - Heft I/2011

Das Zillertal Es war wohl das verflixte siebte Jahr, das unsere eheähnliche Gemeinschaft nicht überstanden hat. Ja, es ist wahr: wir haben uns getrennt ! Es ist endgültig aus und vorbei. War ‚ne schöne Zeit. Und trotzdem, wir haben uns getrennt. Jaja - von unserem Trike. Ach was, nein, nicht von der Frau. Nein, DIE Verbindung ist sowieso ... unauflöslich, wenn ich das mal so sagen darf. Aber das Trike, das haben wir sozusagen zur Adoption freigegeben. Es lebt jetzt irgendwo in Hessen. Gut soll's ihm gehen, wie man so hört. Und vielleicht sieht man sich ja mal, irgendwo da draußen.

Irgendwann war Zeit für was Neues. Und weil es wohl auch das letzte Gefährt sein wird, das uns dann bis zur Triker-Rente begleiten soll, haben uns weder Kosten noch Mühen gescheut. Besonders keine Kosten ... Kurz und gut, es wird ein RF1 und zieht im Herbst bei uns ein. Um die trikelose Zeit zu überbrücken und schon mal ein Gefühl für Mittelschaltung, Leichtgewichtigkeit, Handling und Fahreigenschaften zu bekommen, hatten wir kurzerhand beim  Dieter Edel  in Mühlacker eine Tour gebucht. Mit dem Leihtrike in's Zillertal, so lautete der Beschluss.

rewaco RF1 LT Anfang Juni war es dann soweit. 500 Kilometer Anreise mit dem Auto, anschließend kurze Einweisung auf einem RF1 LT. Das ist das Modell von rewaco mit den eigenartigen Pollern links und rechts vom Beifahrer. Ein prima Handtaschenersatz, wie Zuckerhuhn sehr schnell herausgefunden hat. Und obwohl eigentlich für die Aufnahme von zwei Helmen gedacht, finden Geldbörse, Kamera, Mamas Strickjacke und anderer Kleinkram ziemlich schnell ihren Weg in die abschließbare Kleiderkammer. Einziger Nachteil: die Helme mussten dann trotzdem wieder draußen bleiben. Man kann eben nicht alles haben ...

Von Mühlacker geht's dann per RF1-Express über die Autobahn nach Jungholz. Das Trike fühlt sich gut an und erfüllt vom ersten Eindruck her alle Erwartungen. Die bedrohlichen Regenwolken andauernd im Nacken, holen sie uns dann irgendwann doch noch ein. Apropos: Laut Wetterbericht steht zu befürchten, dass das Wetter das ganze schöne Tourwochenende so bleibt. Ein so kaltes und feuchtes Frühjahr hatten wir schon lange nicht mehr.
Kurz hinter der österreichischen Grenze findet sich ein schönes kleines Hotel mit dem Namen "Alpenhof". Der Kamin brennt im Foyer und anscheinend sind wir die Ersten. Kein Wunder, es war das falsche Hotel! In Jungholz gibt es mehr als einen Alpenhof. Bloß gut, dass wir uns die Regenklamotten noch nicht vom Leib gerissen hatten. Nach wenigen Minuten ist die richtige Herberge gefunden und siehe da: wir sind wohl fast die Letzten.

Das Gepäck ist schnell verstaut, die Regenklamotten sind zum trocknen aufgehängt und das Begrüßungsbierchen hat auch schon seinen Weg durch den durstigen Schlund gefunden. Der Alpenhof bietet ein sehr angenehmes Ambiente und das atemberaubende Dekolleté der blonden Kellnerin war mir schon an der Rezeption in's Auge gefallen. Beim abendlichen Kennenlernen stellen sich die Teilnehmer gegenseitig vor und es wird deutlich, dass allerhand Trikeneulinge mit von der Partie sind. Dieter Edel weist sie alle in seiner gewohnt professionellen Art in die Probleme der Gruppendynamik beim Touren fahren ein. Das exzellente Abendmahl hat Gourmetqualität, der Wein ist vorzüglich und am Ende fühlen wir uns für die Mühen des Tages wahrhaft entschädigt.

Das Hotel Alpenland in Gerlos Es ist Fronleichnam. Auch in Österreich ein Feiertag. Die Dachrinne hat erst sehr spät in der Nacht zu plätschern aufgehört und der Tag empfängt uns wieder mit Matschwetter. Wenigstens die Klamotten sind über Nacht getrocknet und so beginnen wir unsere Reise nach einem ausgiebigen Frühstück und einen letzten Blick auf ... (pst ... das kann ich jetzt nicht schreiben, Zuckerhuhn liest mit).
Ortsdurchfahrten sind für Gruppen nicht immer ganz einfach. Umso erstaunlicher ist es, das Insbruck ohne Verluste passiert wird. Gegen Mittag klart das Wetter endlich auf und die Sonne hat Gelegenheit, uns mit ein paar wärmenden Strahlen zu verwöhnen. Ein kurzer Zwischenstopp zu Mittag ermöglicht die nächsten positiven Erfahrungen mit der landestypischen Küche. Das Tagesziel im Zillertal ist Gerlos. Ein typischer, auf die Ski-Saison ausgerichteter kleiner Ort, der fast ausschließlich aus Hotels und Pensionen zu bestehen scheint. Wir finden Quartier im familiär geführten 4-Sterne-Hotel "Alpenland". die Zimmer sind angenehm groß, komfortabel eingerichtet und der Service im Haus ist erstklassig. Das Hotel gehört zur Garni-Gruppe und Familie Kammerlander bietet daher nur Frühstück an. Aber das ist ausgesprochen gut und die Tatsache an sich bietet Gelegenheit, sich zum Dinner jeweils ein Restaurant eigener Wahl im Ort auszusuchen. Die Wintersaison in Gerlos ist vorbei und man trifft eigentlich nur noch sehr wenige Touristen. Dafür ist allenthalben der Bauboom ausgebrochen. Überall wird neu- oder umgebaut für die nächste Generation von Pistenjunkies. Wer Spaß daran hat, kann abends im Hotel einen Saunagang einlegen, sich im Pool ersäufen oder andere sinnliche Genüsse aus dem Wellnessangebot des Hotels in Anspruch nehmen. Auch ein Tischfussball steht für abendliche Turniere zur Verfügung, falls einem nach dem Absacker der Sinn nach sportlicher Betätigung steht.
Es war ein langer Tag und für morgen verheißt der Wetterbericht nicht all zuviel Gutes.

Zillertaler Höhenstrasse Dem launischen Wetter geschuldet beschließt die Gruppe kurzerhand für den nächsten Tag, die Zillertaler Höhenstrasse zu befahren. Den Großglockner, der ursprünglich auf dem Plan stand, wird vorerst verschoben. Die Strecke über die alte Höhenstrasse ist bei schönem Wetter ein Sahnebonbon für jeden, der Spaß am Kurven fahren hat. Unser Weg führt uns zunächst über Mayrhofen nach Hintertux. Die Qualität der Strasse ist zwar weniger beeindruckend, aber wer schmale, enge und vor allem gewundene Strecken mit zum Teil erhabenen Ausblicken auf die Zillertaler Bergwelt mag, dem sei diese Strecke unbedingt empfohlen. Man muss allerdings jederzeit mit Gegenverkehr rechnen, der zum Beispiel in Form eines riesigen Traktors hinter der nächsten Kurve lauern kann. In solchen Situationen ist man gut beraten, wenn man genau einschätzen kann, wie breit das eigene Trike ist. Die anfangs noch regennassen Straßen stellen insbesondere für unseren Harleyfahrer mit nur zwei Rädern eine echte Herausforderung dar. Mit jedem Kilometer wird aber auch das Wetter besser und am Schlegeisspeicher holen wir uns die ersten verbrannten Nasenspitzen. Leider ist der Wasserstand des aufgefangenen Gletscherwassers relativ niedrig. Es genügt aber, um die beeindruckende Dimension dieses von einem herrlichen Alpenpanorama umgebenen Speicherbeckens mit seiner 131 Meter hohen Staumauer und dem blau schimmernden Wasser zu erahnen. Die Rückfahrt zum Hotel ist schnell geschafft und der Tag klingt mehrfach mit den Worten aus: "Schatz, die Pizza schaff' ich nicht !'.

Großglockner Den Großglockner zu verschieben erweist sich am nächsten Tag als kluge Entscheidung. Beim Aufwachen blinzelt uns die Sonne in's Gesicht und Dieter Edel verkündet nach einem Blick auf sein Handydisplay, es würde wohl heute ein super Sonnentag werden. Wie geschaffen also, den Großglockner zu erstürmen. Der Berg ist mit 3798 Metern der höchste Berg Österreichs und die gleichnamige Hochalpenstraße verbindet als hochalpine Gebirgsstraße die beiden österreichischen Bundesländer Salzburg und Kärnten. Die Straße ist erstklassig ausgebaut und wird wetterabhängig etwa ab Mai mittels spezieller Schneefräsen in mehreren Lagen schneefrei gefräst.
Es ist schon ein beeindruckendes Erlebnis, mitten im Sommer unter wärmenden Sonnenstrahlen auf schön geschwungene Serpentinen dahin zu gleiten, wenn sich rechts und links des Weges der Schnee bis in eine Höhe von 2 Metern auftürmt. Aber dazu muss man natürlich erst einmal die zahlreichen Spitzkehren (27 an der Zahl) bis in die alpinen Regionen der Strecke hinauf kraxeln. Auf etwa 2500 Metern, kurz vor dem "Fuscher Törl", zweigt links der Weg zur 2571 Meter hoch gelegenen Edelweißspitze ab. Über originales Kopfsteinpflaster, das noch aus dem Erbauungsjahr 1935 stammt, führt die Strasse in sieben weiteren Kehren zu einem grandiosen Aussichtspunkt in Mitten von über 30 Dreitausendern. Bei herrlichem Sonnenschein war das für alle ein beeindruckendes Erlebnis. Nur mein Zuckerhuhn hat in dieser Höhe schon erhebliche Probleme mit der dünnen Luft und auch am Trike ist ein Leistungsabfall feststellbar. Weiter geht's. Wie Dieter in seinen Tourunterlagen schreibt, "... hat das Auge Zeit, während der Fahrt ein wenig durch die Hochgebirgslandschaft zu wandern ...". Im günstigsten Fall trifft das auf das Auge des Beifahrers zu. Als Fahrer muss man sich entscheiden zwischen endlosem Fahrspaß von Kehre zu Kehre, oder eben genüsslichem dahin gleiten in den unendlichen Weiten schneebedeckter Gipfel. Die auf gemeinsamen Touren naturgemäß ausgeprägte Gruppendynamik tendiert erfahrungsgemäß dann doch eher dazu, "dran zu bleiben", auch wenn der Tourguide immer wieder darauf verweist, dass jeder so fahren möge, wie er denn will. Im Nachhinein betrachtet ist das eher schade und beim nächsten Mal nehmen wir uns vor, wir wollen's langsamer angehen lassen.
Schnee im Sommer Die Abfahrt führt uns über einen Abzweig zur Franz-Joseph-Höhe und wir parken unsere Dreiräder ganz oben auf dem halb schneebedeckten Dach des dortigen Besucherzentrums. Der Aussichtspunkt ist nach einem Besuch des Kaiserpaares Franz Joseph I. und seiner Elisabeth benannt, allseits bekannt unter dem Namen "Sisi". Er bietet eine wunderbare Aussicht auf den Pasterzengletscher, der sich von Jahr zu Jahr immer weiter in den Berg zurückzieht.
Heimwärts geht's über die wunderbar ausgebaute Felbertauernstrasse in den Nationalpark Hohe Tauern und durch den gleichnamigen, über 5 Kilometer langen Tunnel.
Kurz vor der Ankunft in unserem Quartier genehmigen wir uns noch einen kurzen Ausblick auf die Krimmler Wasserfälle, die mit einer gesamten Fallhöhe von 380 m die höchsten Wasserfälle Österreichs darstellen.
Der kulinarische Höhepunkt des Tages war eine riesige Portion Schweinshaxe, die sich einige aus unserer Gruppe am Vorabend extra bestellt hatten. Es sollte nicht die letzte sein.

Der Sonntag schließt an das wunderbare Reisewetter des Vortages an. Die Heimreise steht an. Nun wäre es keine Edeltrikertour, wenn sich der Chef nicht auch noch für diesen Tag eine wunderschöne Route ausgedacht hätte. Zunächst führt uns die Route am Achensee vorbei und beim Tanken treffen wir sogar auf eine weitere Gruppe Trikes aus dem Raum Deggendorf. Am Walchensee beschließen wir zu rasten und als wäre es die normalste Sache der Welt, treffen wir dort auf heimreisende Trikerfreunde aus Holzkirchen. Der Walchensee und die Gegend um Kochel sind nach erstem Eindruck für sich schon einen eigenen Urlaub wert und wir beschließen, demnächst mal intensiver darüber nachzudenken. Unsere Tour führt uns jetzt zum Kloster Andechs. Allein die Tatsache, dass Sonntag ist und die Sonne scheint, ist wohl für halb Deutschland Grund genug, es uns gleich zu tun. Jedenfalls ist entgegen aller Erwartungen im Kloster der Teufel los, wenn man das mal so gotteslästerlich sagen darf. Die Zeit ist ohnehin knapp und so reicht es bestenfalls zur Verkostung einer nicht mal im Ansatz beherrschbaren Riesen-Riesen-Schweinshaxe. Wer Beifahrer ist, kann sich am weltweit bekannten Andechser Doppelbock laben. Mir ist die Freude leider nicht vergönnt und ich beschließe insgeheim: Zuckerhuhn muss unbedingt Trikefahren lernen!.
Wegen dem Ferienende in Baden Württemberg bleibt uns auf der A7 nur der Entschluss, den Rest der Strecke über Land zurück zu legen. Sichtlich geschafft und auf den letzten 20 Kilometern auch noch mal ordentlich eingeweicht landen wir schließlich wohlbehalten wieder im verkehrstechnisch hermetisch abgeriegelten Mühlacker.
Am Ende bleiben viele neue Eindrücke aus Gegenden, die sich unbedingt lohnen, (an)gesehen zu werden. Es bleiben neue Bekanntschaften und Erfahrungen mit einer neuen Generation Trikes. Und es bleibt natürlich auch die Vorfreude auf unseren "Blauen", den wir bis September noch in guten Händen wissen.
An alle, die dabei gewesen sind: man sieht sich - on the road again ...

Viele liebe Grüße von IronHorse und seinem Zuckerhuhn.